Westwall-Wanderung

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Schärfe / Unschärfe am Westwall
Verwandlung durch Subjektivität

Ein Projekt von Neda Todorova, Ivana Murat, Myriam Spicka, FH Trier, Fachrichtung Architektur, SS 07


Künstlerisches Konzept

1. Ausgangspunkt:  Subjektivität : Der Weg, der uns zu etwas führt hat entscheidenden Einfluss auf das Erlebnis. Die Mühe des Weges ist proportional mit der Intensität des Erlebnisses des Zieles! Also wanderten wir 140 km entlang eines an sich sinnfreien Bauwerkes, dem Westwall, um zu ERLEBEN was er sein mag (Thema Wahrnehmung).

Natürlich hatten wir im Rucksack unserer Biographie das Assoziationspaket "2.Weltkrieg mit, der geschichtliche und kulturelle Kontext – was würden wir vorfinden? (Thema Begriffe)

(Anmerkung: Erkenntnistheoretisch: Wahrnehmung + Begriff = Erkenntnis?)

2. Arbeitshypothese: Schärfe wird durch den Grad an Information zu einem Objekt erzeugt, Information ist subjektiv und manipulierbar. Der Westwall kann als  Propagandabauwerk verstanden werden  ein Medium und Projektionsfläche für manipulierte Inhalte. Ist es legitim diese Inhalte  umzumanipulieren oder besser noch: Einen individuellen Prozess in Gang setzen, der eine Neubewertung in Gang setzt – persönlich unscharf, andersscharf – damit vielleicht dichter an einer  Wirklichkeit .

2.1 Wo ist Platz für die subjektiv gefilterte Wahrnehmung die somit auch subjektiv interpretiert oder begrifflich fasst?

2.2 Wer oder was filtert in der objektiven  Genauigkeit der Informationen, wenn nicht ein Subjekt resp. eine Individualität?

2.3 Wie kann darin Unschärfe/Andersschärfe entstehen, nicht als Ungenauigkeit-als-Mangel, sondern als Abstraktion die Raum lässt für das wahrnehmende Subjekt?

3. Wenn solche Unschärfen gesucht und entwickelt werden, wie kann ich sie darstellen?

Es geht um Begriffe wie Unschärfe, Ungenauigkeit, Langsamkeit, subjektiv-emotionale Interpretation (wie empfinde ich diesen Platz?), persönliche Wahrnehmung im Sinne persönlicher Wahrheit, Umrisshaftigkeit, Charakterisierung statt Definition (Definition = Ausschluss aller Anteile der Ganzheit die nicht begrifflich fassbar, technisch messbar, objektivierbar sind) ...

4. Einbettung in unser gegenwärtiges Informationsnetz mit nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit von Informationen (Internet) und nahezu unbegrenzte physische Positionsbestimmung von Orten, Menschen und Gegenständen durch Georeferenzierung und GPS  Können wir diese  Überschärfe nutzen und darin Raum für Subjektivität schaffen – für die andere Hälfte der Wahrnehmung.

5. erweiterte Arbeitshypothese: Aus intensiver individueller Wahrnehmung andersscharfe Interpretationen des Westwalls schaffen, zeigen und darstellen.

Ziel: Den individuellen Assoziationen und Bewertungen eine  Schubs geben, um Neubewertungen, anderen Schärfeneinstellungen Raum zu geben, z.B. durch künstlerische Arbeit mit dem  Medium Westwall (Bsp.: die Interpretation der World Trade Center in Cosmos und Damian – aus Butter – von J.Beuys – fast 20 Jahre vor dem Anschlag da war das Symbol ein Symbol, bevor es ein Symbol wurde)

Also zoomen wir ihre Wahrnehmung an das Objekt unserer Betrachtung: Kosmos – Erde – Europa – Mitteleuropa – Deutschland – West Wall – Panzerhöcker – Kunst..... schärfe – unschärfe: Was wäre wenn ... die anderen Bilder des Westwalls mit anderen Schärfeneinstellungen.


Ergebnis

Zugänglich machen dieser Bilder in mehreren Schritten: Im Endstadium nicht als losgelöste Exponate, sondern in Unmittelbarkeit zur sichtbaren Wirklichkeit am Westwall, am besten also vor Ort, gebunden an den georeferenzierten, tatsächlichen Standort der Exponatvorlage. Als Vorstufen: Ausstellung im Internet, Ausstellung Erinnerungsräume


Exponate

Unscharfe, überscharfe oder andersscharfe Bilder zu verschiedenen Orten am Westwall mit dezidiert ausgearbeiteten, entfremdeten oder interpretierten Inhalten – Die Exponate sind nur Anregung, Aufforderung und Anstoß selbst zu sehen, zu fühlen und zu denken. Als solche sollen sie sein: unfertig, unperfekt und unpräzise.


Technisches Konzept

In der Nautik werden für eine genaue Standortbestimmung verschiedene Systeme überblendet: Kartenplotter, Apra (Automatic Radar Plotting Aid), AIS (Automatic Identification System), Radar, GPS um eine dynamische, vernetzte Geopositionierung zu ermöglichen (Stichwort Schärfe). Über Waypoints, kann automatisch ein vordefinierter Kurs abgefahren werden. Wir möchten ebenfalls eine Georeferenzierung erreichen, die allerdings an den (realen) Waypoints am Westwall, irreale, überreale oder  andersscharfe , d.h. gefakte, manipulierte oder interpretierte Bilder bietet. Ein möglicher Systemansatz wäre ein Laptop, der über einen Software Kartenplotter und einem angeschlossenen GPS die Waypoints findet und die jeweils  referenzierte Interpretation des tatsächlichen Ortes dargestellt. Wahlweise kann der Weg auch im Internet  abgeschritten" werden. Dafür müssten diese Systeme Softwaregestützt überblendet werden.


Präsentationskonzept

Als Vorstufe haben wir diesen Prozess in einer Video/Bildinstallation simulieren. Hierfür haben wir auf einer Google-Earth-Satellitenbild gestützten Karte, den Westwall, unseren tatsächlichen Wanderweg und die Standorte der manipulierten Bilder in einer Flashpräsentation dargestellt. Der Betrachter konnte die Standorte mit der Maus auf der Videoleinwand  abwandern und aufsuchen. Unterstütz wurden die Bilder durch Soundfiles die den verfremdenden Effekt und die Assoziative Neuorientierung unterstützten.

Dargestellt wurde hier der Kartenstandort, das tatsächliche Bild und die Interpretation.

Für eine Weiterentwicklung benötigen wir Unterstützung für die Verbindung der Kartensoftware, resp. GPS – Trackfile s mit unseren Bildern.


Unsere Installation war auf der Ausstellung ERINNERUNGSRÄUME / ESPACES DE MÉMOIRE vom 21.10.2007 bis zum 4.11.2007 zu sehen.

In einem kleinen Raum der ehemaligen Gendamariekaserne haben wir ein Feldlager unserer Westwallwanderung errichtet. An diesem Ort wurden die georeferenzierten Bilder der Installation in einer interaktiven Bildschirmsimulation präsentiert. Mit der Maus auf der Leinwand konnte die Wanderung entlang des Westwalls nachvollzogen und virtuell die Orte der veränderten Bilder aufgesucht werden.

Die Reaktionen auf der Ausstellung waren zum Teil sehr engagiert und differenziert: Sofern die Besucher die Schwelle überwunden hatten, in unserem Campingsessel Platz nahmen und mit der Maus auf der Leinwand die Wanderung begannen waren sie in der Regel gefesselt und sie hatten eine MEINUNG die aus dem wahrgenommenen Bildern, ihrer eigenen Erfahrung und dem Kontext der Ausstellung resultierten. Diese Meinung diskutierten sie gerne mit den anwesenden BesucherInnen und AkteurInnen. Wir haben den Eindruck, das damit das Ziel unserer Installation erreicht war: Wir hatten keine  pädagogische Intention, sondern nur den Wunsch eigene, individuelle und ggf. neue Gedanken und Assoziationen zum Westwall anzustoßen.

Als Akteurinnen haben wir die Atmosphäre und die Rahmenbedingungen der Ausstellung Erinnerungsräume als sehr anregend und produktiv empfunden.


Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung in ideeller, organisatorischer und finanzieller Form bei:

  • Stefan Manchen
  • Frank Müller
  • Hilario Lopez
  • Google Earth
  • Prof Franz Kluge, Dipl. Math.
  • Mitwanderinnen und Mitwanderer des Projekts Westwallwanderung – Walking the line
  • Prof. Anna Bulanda-Pantalacci, Dipl.-Graph. M.A.
  • Prof. Marion Goerdt, Dipl. Ing.
  • Sven Nieder, Dipl. Des.
  • Restaurant Krokodil